Wenn sich am Restaurant-Tisch jeder nur noch mit seinem Smartphone beschäftigt, wenn man keinen mehr nach dem Weg fragen kann, weil jeder Ohrstöpsel im Ohr hat und wenn einem auf das Smartphone starrende Menschen vor das Auto laufen – dann ist das ein realistisches Bild der heutigen Zeit. Immer früher bekommen Kinder von ihren Eltern ein Smartphone in die Hand, ohne ihnen vorher den sicheren Umgang damit zu lehren. Der Fachberater für Jugendmedienschutz des Landesschulamtes, Hessen Günter Steppich, sprach auf einem Informationsabend an der Marienschule über Alltagssituationen, Gefahren und Tipps für den Umgang mit Smartphones und dem Internet.
Haben die Kinder früher auf dem Schulhof oder nach der Schule noch miteinander gespielt, sieht man sie heute meistens nebeneinander stehend, jeder auf sein Smartphone starrend. Sind die Eltern noch aus der „Generation Kassettenrekorder", können sich die Kinder heute eine Welt ohne Internet gar nicht mehr vorstellen. Wenn die Kinder sich beschweren, dass sie so lange Hausaufgaben machen müssen, könnte das daran liegen, dass sie dem Reiz, zu schauen, was es Neues bei Facebook oder WhatsApp gibt, immer wieder unterliegen und so für die Aufgaben viel mehr Zeit benötigen. Der Aufforderungs- und Spaßcharakter und damit der Belohnungsteil im Gehirn überwiegen bei Kindern den rationalen Teil, der weiß, dass man eigentlich Hausaufgaben machen oder lernen müsste. Das Verheerende daran: „Pro Kalenderjahr sinkt das Eintrittsalter um ein Jahr", weiß Günter Steppich. Da die Smartphones nicht nur zuhause, sondern auch von vielen in den Pausen in der Schule sofort wieder genutzt werden, bot der Medienexperte mit seinem gelungenen Vortrag einen Rundumschlag zu den wichtigsten Themen, die Kinder und Jugendliche rund um das Internet und Smartphone beschäftigen, um Eltern und Lehrern Orientierung und Hilfe in der Medienerziehung der Kinder zu geben.
Steppich, der selbst Lehrer ist, berichtet von Schülern, die völlig übermüdet und unkonzentriert zum Unterricht erschienen, weil sie nachts Computerspiele gespielt oder mit ihrem Smartphone beschäftigt waren. Steppichs Tipp deshalb: „Sammeln Sie nach dem Abendessen alle mobilen Geräte ein. Dann schlafen Ihre Kinder auch wieder." Er spricht von der Generation Kinder, die mit dem „Internetmonster" groß würden, das sich mittlerweile verselbstständigt habe. Das Wichtigste für die Eltern sei, ihr Kind nicht ungezügelt und unvorbereitet auf ein Smartphone oder das Internet loszulassen. „Sie müssen die Technik im Griff haben. Sie müssen als Eltern einen Plan haben." Steppich verglich das Smartphone mit Werkzeugen wie Hammer oder Kettensäge, bei denen man den Kindern auch beibringe, für was sie nützlich seien und wie man sicher mit ihnen umgehe – das fordert er von den Eltern auch im Umgang mit Smartphones. Im Hinblick darauf, dass rund 80 Prozent der Jungen Videospiele spielt, die nicht für ihr Alter zugelassen sind, erinnert er die Eltern daran, ihren Kindern im Kleinkindalter beigebracht zu haben, nicht gewalttätig zu sein, aber dann später blutige Computerspiele erlaubten. Deshalb sei ein konsequentes Verhalten der Eltern in der Kindererziehung geboten. Steppich räumte diesbezüglich ein, dass es schwierig sei, seine Erziehung beim Thema Internet und Smartphone radikal zu ändern, wenn die Eltern bisher alles hätten durchgehen lassen.

Steppich-HP
Auch das Thema Online-Mobbing kam zur Sprache. Das Internet ermöglicht es, seine Meinung überall zu verbreiten, bietet damit Mobbern eine riesige Plattform und lässt Mobbing in ganz neuen Dimensionen erscheinen. „Das Mobbing aus der Schule geht dann auch zuhause weiter. Es gibt keine Fluchtmöglichkeit mehr für die Opfer." Das große Problem sei auch, dass ein einmal hergestellter schädlicher Ruf irreparabel sei, da im Internet alles abrufbar sei, auch im Ausland. Für die Mobber würden außerdem die Hemmschwellen sinken, weil man sich zuhause vor dem Computer oder hinter dem Smartphone sicher fühle.
Ein in letzter Zeit bekannt gewordener Trend ist das sogenannte „sexting" – das Versenden von freizügigen Fotos und Videos. Über Apps wie WhatsApp oder Snap Chat könnten die Kinder ganz einfach Bilder von sich verschicken, die sehr schnell in falsche Hände geraten und missbraucht werden könnten. Dass sich die Kinder und Jugendlichen beim Verbreiten dieser strafbar machen, wissen die meisten nicht. Vor allem wüssten die Eltern von all dem nichts, denn nur acht Prozent erzählen ihren Eltern von Negativerfahrungen im Internet. Das Problem an den meisten dieser Apps, die kostenlos oder sehr günstig sind, sei, dass man statt mit (viel) Geld mit seinen Daten bezahle.
Aufgrund dieser - den Kindern nicht immer bewussten - Gefahren und Folgen ihrer Handlungen fordert Steppich die Eltern dazu auf, ihre Kinder beim Erlernen des Umgangs mit dem Smartphone und Internet zu begleiten: „So, wie Sie es beim Fahrradfahren auch gemacht haben – laufen Sie nebenher". Die aktuelle Situation gleiche aber eher einem „Daten-Highway", auf dem man seine Kinder alleine und ohne Helm fahren lasse. Er empfiehlt klare Regeln wie feste Zeiten für den Internetzugang zu vereinbaren oder die technischen Geräte zunächst im Wohnzimmer zu lassen, damit die Kinder nicht gänzlich in ihrem Zimmer verschwänden.
Nach dem Vortrag Steppichs hatten auch die Eltern Gelegenheit, Fragen zu stellen. Die besorgten Eltern klagten, dass sie häufig von ihren Kindern zu hören bekämen „Ihr habt ja sowieso keine Ahnung davon", was die Angst der Eltern schüre, nicht mehr mithalten zu können. Steppichs Tipp: „Man darf den Kindern keinen Wissensvorsprung gewähren. Bleiben Sie am Ball, holen Sie sich ein Smartphone und beschäftigen Sie sich damit." Eine andere Mutter klagte, dass Treffen des Fußballvereins nur noch über WhatsApp organisiert würden und ihr Kind das einzige sei, das dies nicht mitbekomme. Steppich riet, das Kind dazu zu ermuntern, auch einmal gegen den Strom zu schwimmen und den Trainer um alternative Kommunikationsmöglichkeiten zu bitten.
Steppich mahnte die Eltern, nicht die Verantwortung alleine an die Schule abzugeben, sondern forderte eine Zusammenarbeit zwischen beiden. „Sie haben ihrem Kind ja auch kein Mofa gekauft und gesagt, die Schule soll den Umgang damit lehren. Aber vom Smartphone erwarten Sie das?" Schließlich habe die Schule das Smartphone nicht gekauft, sondern die Eltern, die dafür auch in der Verantwortung stünden. Was Internet- oder Computerspielsucht angehe, müsse man bedenken, dass nicht der Stoff dafür verantwortlich sei, sondern dass hinter einer Sucht immer eine Sehnsucht stecke, für die Computerspiele oder Smartphones eine leicht verfügbare Zuflucht böten.
Eine der derzeitigen Präventionsmaßnahmen an der Marienschule sind die „Digitalen Helden", gefördert vom Limburger Lions-Club. Seit dem Schuljahr 2013/2014 lassen sich sechs Schülerinnen, betreut von den Lehrern Thomas Klein und Matthias Werner, ausbilden, um Ansprechpartner in der Schule zum Thema Cybermobbing und Internet zu werden und um Schüler und Eltern zu informieren.
Damit die Kinder und Jugendlichen nicht weiterhin lieber per Smartphone als mit den Menschen um einen herum kommunizieren, ruft Steppich dazu auf, beim Thema Internet und Smartphone vor allem eins zu beachten: „Überlegen Sie sich gut, ab welchem Alter Sie Ihrem Kind zumuten, ihm die komplette Erwachsenenwelt per Internetzugang auf dem Smartphone in die Hosentasche zu stecken." Deshalb appelliert er an die Eltern, die Kinder so wie im realen Leben zu schützen - vor schlechtem Umgang.
Nach dem rund zweieinhalbstündigen Abend bedankten sich Schulleiterin Dr. Henrike Zilling bei Steppich und rief dazu auf, als Eltern und Schule gemeinsam Aufklärungsarbeit zu leisten und die Kinder vor Gefahren zu warnen. „Auch wenn es unbequeme Botschaften für die Kinder sind – wir müssen als Eltern und Schule zusammenarbeiten." (Katharina Höhn/ Fd)